Steigende Fehlzeiten: Was können Arbeitgeber tun?
Ist Deutschland ein Land der Kranken oder ein Land der Blaumacher? Eine neue Studie zeichnet ein durchaus differenziertes Bild.
Kaum ein Thema sorgt in Personalabteilungen derzeit für so viel Diskussionsstoff wie steigende Fehlzeiten. Ist Deutschland ein Land der Kranken oder ein Land der Blaumacher? Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich seit geraumer Zeit eine hitzige Debatte. Eine neue Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen zeichnet ein durchaus differenziertes Bild.
Für die Untersuchung wurden im April 2026 rund 1.030 Führungskräfte, HR-Verantwortliche und Mitglieder von Unternehmensleitungen befragt. Das Ergebnis deckt sich mit den Zahlen der Krankenkassen. 68 Prozent der Unternehmen berichten von steigenden Fehlzeiten in den vergangenen zwei bis drei Jahren, nur neun Prozent beobachten einen Rückgang und dies branchenübergreifend und unabhängig von der Unternehmensgröße.
Nach der WIdO-Fehlzeiten-Bilanz waren AOK-versicherte Beschäftigte 2025 durchschnittlich 23,3 Tage krankheitsbedingt arbeitsunfähig. Das seit 2022 insgesamt gestiegene Niveau ist allerdings wesentlich durch den statistischen Effekt der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) mitbedingt.
Ein kultureller Wandel
Der erste große Befund der Studie betrifft den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit.
- 63 Prozent der befragten Unternehmen sagen, die Schwelle zur Krankmeldung sei gesunken
- 60 Prozent halten Krankheit heute für weniger tabuisiert als früher
- 53 Prozent der Unternehmen berichten von einem Rückgang des Präsentismus (Arbeit trotz Krankheit) seit der Corona-Pandemie
Die Studienautorinnen interpretieren das nicht als Verschlechterung der Volksgesundheit, sondern als kulturellen Wandel und betrachten Normen rund um Abwesenheit als verschoben.
Auch bei der viel diskutierten Generationenfrage liefert die IBE-Studie eine differenzierte Antwort.
- Laut 71 Prozent der Unternehmen melden sich jüngere Beschäftigte bei leichten Symptomen schneller krank
- 62 Prozent stellen bei älteren Beschäftigten eher Präsentismus fest
Die Kernerkenntnis: Ältere fehlen seltener, aber länger. Jüngere fehlen häufiger, aber kürzer. Dies beschreibt den Studienautorinnen zufolge unterschiedliche Einstellungen zu Abwesenheit und Gesundheit.
Wenn Fehlen zur Strategie wird
Brisanter wird es beim sogenannten strategischen Abwesenheitsverhalten, also dem bewussten Fernbleiben ohne zwingende medizinische Notwendigkeit.
- 56 Prozent der befragten Unternehmen registrieren dieses Verhalten zumindest in nennenswertem Umfang.
- 54 Prozent nehmen informelle Fehlzeitenplanung in mittlerem oder hohem Ausmaß wahr, weitere 29 Prozent zumindest in geringem Umfang.
Je verbreiteter informelle Absprachen im Team sind, desto häufiger tritt auch individuelles strategisches Fernbleiben auf. Als häufigste Motive nennen die befragten Unternehmen wahrgenommene Ungerechtigkeit (40 Prozent), fehlende Führung (33 Prozent), dysfunktionalen Teamzusammenhalt (30 Prozent) und den Ausgleich empfundener Überlastung (30 Prozent). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass strategisches Abwesenheitsverhalten unter anderem mit wahrgenommener Ungerechtigkeit, Belastung sowie Problemen in Führung und Teamzusammenhalt zusammenhängt.
Der Ball liegt beim Personalmanagement
Der wichtigste Befund für Personalabteilungen betrifft jedoch Faktoren, die Unternehmen selbst aktiv gestalten können.
- 66 Prozent der Unternehmen sehen zunehmende Arbeitsverdichtung als Treiber dauerhafter Erschöpfung
- 59 Prozent berichten von zu knappen Erholungsphasen im Arbeitsalltag
- 69 Prozent schreiben Führungskräften eine wichtige Vorbildfunktion im Umgang mit Krankheit zu
- 67 Prozent sagen, dass Führungskräfte Überlastungssignale zu spät erkennen
- 54 Prozent der Befragten berichten, dass Führungskräfte sich im Umgang mit Fehlzeiten teilweise unsicher fühlen.
Die Botschaft für Personalabteilungen ist damit eindeutig.
Wer Fehlzeiten senken will, kommt an Arbeitsbedingungen, Führungskultur und Teamklima nicht vorbei. Rein administrative oder sanktionierende Ansätze greifen zu kurz, der nachhaltigere Hebel liegt im Dialog.
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